Konkordatslehrstühle in Bayern

Die – weitgehend unbekannten – „Konkordatslehrstühle“ sind eine Sonder­einrichtung der bayerischen Universitäten. Sie sind nicht-theologische Lehrstühle, bei deren Besetzung die katholische Kirche bzw. der zuständige Bischof das Vetorecht hat, d.h. er trifft die letzte Entscheidung.

Geschichte

Die Konkordatslehrstühle gehen auf den Vertrag des bayerischen Staates, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Hoheit über das Schul- und Bildungswesen erhalten hatte, mit dem „Heiligen Stuhl“ zurück. In ihm wurde u.a. festgeschrieben, dass die katholische Kirche für die Universitäts­lehrstühle das so genannte „Erinnerungsrecht“ besitzt, und dass die Ausbildung der Lehrer an den konfessionellen pädagogischen Hochschulen stattfindet.

Nach Gründung des Freistaats Bayern und Niederschlagung der Räte­republik wurde der Vertrag 1924 erneuert: wenigstens ein Lehrstuhl in Philosophie und Geschichte hatte an den bayerischen Universitäten konkordatär gebunden zu sein. Das Reichs­konkordat, das Adolf Hitler 1933 mit der katholischen Kirche schloss, übernahm die bayerische Regelung.
Nachdem die Kulturhoheit nach 1945 wieder Ländersache wurde, wurde das Bayerische Konkordat von 1924 bestätigt. Einen Einschnitt brachte die Änderung der Bayerischen Verfassung von 1968: statt der bisherigen Konfessions­schulen wurde die Gemeinschafts­schule eingeführt. Als Kompensation für diesen Verzicht erhielt die katholische Kirche vom bayerischen Staat das Recht der Ausweitung der Konkordats­lehrstühle. Die bis heute gültige Vertrags­fassung von 1974 lautet (Art. 3 § 5):

„Der Staat unterhält an den Universitäten Augsburg, Erlangen-Nürnberg, München (Ludwig-Maximilians-Universität), Passau, Regensburg und Würzburg sowie an der Gesamthochschule Bamberg an einem für das erziehungs­wissenschaftliche Studium zuständigen Fach­bereich je einen Lehrstuhl für Philosophie, für Gesellschafts­wissenschaften und für Pädagogik, gegen deren Inhaber hinsichtlich ihres katholisch-kirchlichen Standpunktes keine Erinnerung zu erheben ist.“

Dem entsprechend existieren heute 21 Konkordats­lehrstühle in Bayern:

  • von 31 Lehrstühlen für Pädagogik sind sieben von der katholischen Kirche kontrolliert (22,6%),
  • von 12 Lehrstühlen in Politikwissenschaft sind es drei (25%),
  • von 12 Lehrstühlen in Soziologie sind es vier (33,3%),
  • von 19 Lehrstühlen in Philosophie sind es sieben (36,8%).

Funktion

Durch die Konkordats­lehrstühle soll der katholischen Kirche der Einfluss auf die Werte­vermittlung, insbesondere im Bereich der staatlichen Lehrer­ausbildung, garantiert werden. Die Schwer­punkte sind daher Ethik bzw. praktische Philosophie, Erziehungs- und Gesellschafts­­wissenschaft.

Dieser Einfluss der katholischen Kirche auf den staatlichen Erziehungs- und Bildungs­bereich wurde damit begründet, dass es eine gemeinsame Verantwortung von Staat und Kirche gebe, und daher der Staat bei der Erreichung seiner Bildungs­ziele auf die Zusammen­arbeit mit der katholischen Kirche angewiesen sei.

Kritik

Die laufende Klage gegen die Konkordats­lehrstühle stützt sich auf folgende Argumente:

a) verfassungsrechtlich: die Lehrstühle verstoßen gegen:

  • Art. 107 Abs. 4 und Art. 116 der bayerischen Verfassung, die den religions­unabhängigen Zugang zu öffentlichen Ämtern garantieren. Hiergegen verstößt das bischöfliche Erinnerungs- oder Vetorecht.
  • Art. 107 der bayerischen Verfassung, der die Freiheit der Wissen­schaft garantiert. Er wird durch die konfessionelle Bindung nicht-theologischer Lehrstühle verletzt.
  • Art. 33 Abs. 2 des Grund­gesetzes, nach dem niemandem aus seiner Zugehörigkeit oder Nicht­zugehörigkeit zu einem Bekennt­nis oder einer Welt­anschauung ein Nach­teil erwachsen darf. Dem widerspricht das Berufungs­verfahren für Konkordats­lehrstühle.
  • Art. 1 des Allgemeinen Gleich­behandlungs­gesetzes, dessen Ziel es ist, „Benach­teili­gungen aus Gründen … der Religion oder Welt­an­schauung … zu ver­hindern oder zu be­seitigen“.

b) historisch: der geschichtlich begründete Einfluss der katholischen Kirche auf das staatliche Erziehungs- und Bildungs­wesen in Bayern entspricht nicht mehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Angesichts der Pluralität der Wert­vor­stellungen und Lebens­formen ist die Annahme einer besonderen „gemeinsamen Verantwortung“ von katholischer Kirche und Staat ein Anachronismus.

c) ethisch-pädagogisch: nach allgemeiner Rechts­auffassung sind insbesondere die Ethik­lehrerInnen an staatlichen Schulen zu welt­anschaulicher Neutralität verpflichtet. Diesem Grund­satz widerspricht die konfessionell gebundene Aus­bildung der Ethik­lehrerInnen.

Chancen der Klage

Eine Klage gegen die Konkordats­lehrstühle erscheint heute aus zwei Gründen als aussichtsreicher als früher:

Erstens hat sich die soziale Zusammen­setzung durch Zu­nahme der Konfessions­losen und durch Immigration im Zuge der Globalisierung auch in Bayern er­heblich gewandelt. Die Vor­stellung einer staatlich garantierten Sonder­rolle der katholischen Kirche im Erziehungs- und Bildungs­bereich erscheint der Öffentlichkeit zunehmend unplausibel.

Desweiteren ist seit 2006 der Grundsatz der Gleich­behandlung von Bewerbern zu europäischem Recht geworden. Alle Mitglied­staaten haben sich seither verpflichtet, ihn in nationales Recht umzusetzen.

13 Kommentare zu „Konkordatslehrstühle in Bayern“

  1. Helmut Schmitz sagt:

    Liebe Freunde,
    ich danke für diese Information. Dass so etwas in der heutigen Zeit noch Realität ist, war bisher für mich unglaublich.
    Bitte kämpft weiter für eine verfassungsgerechte Trennung von Kirche und Staat. Ich erkläre mich solidarisch.
    In Sorge
    Helmut Schmitz

  2. W. Josef Kraftsik sagt:

    Seltsamer Weise herrscht hier eine ziemliche “Friedhofsruhe”!

    Es ist d r i n g e n d geboten alle Kräfte gegen dieses Veto-Recht von Religionsgemeinschaften zu mobilisieren.
    Dabei ist es unerheblich, ob es sich um die RKK oder die EKD handelt. [...]

    Das Konkordat muss gekündigt werden – J E T Z T.

    [Kommentar gekürzt wiedergegeben.]

  3. Matthias Hedinger sagt:

    Auch ich wusste das nicht, und hätte es auch kaum für möglich gehalten – danke! Das dürfte sehr vielen Menschen selbst in Bayern nicht anders gehen.
    Vielleicht führt der Weg zur Abschaffung der absurden “Theologie”- Studiengänge an unseren wissenschaftlichen Universitäten (!) erst einmal über die Vorstufe der Befreiung anderer Studiengänge von dieser Manipulation. Mein Umfeld wird von diesen Zuständen jetzt ebenfalls hören – und sich empören!
    Matthias Hedinger, Freiburg

  4. Hugo Jung sagt:

    Endlich jemand mit Zivilcourage, der das personelle Geflecht zwischen deutschen Politikern und “Amts”kirche um einen weiteren Schritt erleuchtet. Nur bei dem bekannten deutschen, politischen Gemauschel konnten derartige Zustände geboren werden.

  5. Wenn die Konkordatslehrstuhlklage unterstützt werden soll, wäre eine prominentere Platzierung eines Spenden-Buttons o. ä. notwendig.

  6. Werner Mai sagt:

    “Thron und Altar” arbeiten wie in vordemokratischen Zeiten in Deutschland immer noch Hand in Hand. Meine Bekenntnisfreiheit hört z.B. auf, wenn ich eine Arbeitsstelle annehme und mich zum Zweck evtl. abzuliefernder Kirchensteuer bekennen muß. Ganz abgesehen davon, daß der Staat ohnehin von meinen Steuergeldern die Kirchen alimentiert. Die Vermischung von sowohl staatlichen als auch kirchlichen Interessen und Machtgefügen erleben wir überall. Diese Machtstrukturen werden als “unverzichtbares kulturelles Erbe” schöngeredet. Die Richter (entsprechend ihrer konfessionellen Ausrichtung nach Steuerkarte ausgesucht), die über die Lehrstuhlfrage entscheiden sollen, werden es sich im Bewußtsnein dieses Erbes mit der staatlich/kirchlich/göttlichen Allmacht nicht verderben wollen. Vielleicht hilft hier der europäische Gerichtshof eher?

  7. Uwe Lehnert sagt:

    Vor zwei Jahren etwa lief bereits einmal eine Spendenaktion. Würde mich wieder beteiligen. Wo und wie ist spenden zur Bestreitung von Anwaltskosten möglich? Über Helpedia?

  8. Björn R. sagt:

    Ich wünsche euch viel Glück bei diesen Unterfangen! Die Konkordatslehrstühle haben im Bezug auf die Wissenschaft überhaupt nichts verloren.

    humanistische Grüße!

  9. Fred FRENZEL sagt:

    GG 3 (3) sinngemäß: “Keine Weltanschauung darf bevorzugt bleiben oder werden”
    Insbesondere keine undemokratischen Monotheismen (POSITIVE DISKRIMINIERUNG!)

  10. Markus sagt:

    Eine lohnenswerte und dringend erforderliche Bemühung ist diese Klage allemal. Jedoch befürchte ich, dass die Anstrengung wie ein Bumerang zurück kommen wird. Dann nämlich, wenn von höchster Instanz entschieden wird, “Gott” in die Verfassung aufzunehmen. Das wurde und wird ja immer wieder von vielen Politikern gefordert.

  11. Kurt Saum sagt:

    “Sie sind nicht-theologische Lehrstühle, bei deren Besetzung die katholische Kirche bzw. der zuständige Bischof das Vetorecht hat, d.h. er trifft die letzte Entscheidung.” Die Formulierung hört sich jetzt so an, als würde der Bischof jetzt die Bewerber auswählen. Dies ist mitnichten so. Ein Vetorecht bedeutet ein Widerspruchsrecht. Es bedeutet KEIN Vorschlagsrecht. Eine wohlbegründete Kampagne zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf solche rhetorischen Tricks verzichten kann.

  12. Matthias Lehmann sagt:

    Über die Kirche und ihre Verflechtungen mit dem Staat kann ich mich regelmäßig nur wundern. Bemerkenswert finde ich vor allem, dass sich – speziell die katholische – Kirche immer wieder jede Einmischung von außen verbittet, sich aber selbst überall einmischen möchte!
    Die Kritik von Frau Merkel am Pabst wurde als unerhört zurückgewiesen, hier aber findet es die Kirche okay, über die Einstellung nicht-theologischer Professoren zu entscheiden.

    Tststs …

  13. renate abdul-hussain sagt:

    in österreich ist diese verflechtung mindestens so schrecklich – wenn nicht noch schrecklicher.
    Vgl. ÖVP-Ethikunterricht durch Religionslehrer !!!! Lügen im Zusammenhang mit Religionsunterricht. Benachteiligungen, Bevormundungen, Manipulationen in subtilster Weise. Beim Lesen des Konkordats / Österreich drängte sich mir auf, das ein derartiger Vertrag im normalen Leben direkt als SITTENWIDRIG und daher als NICHTIG eingestuft werden würde!!!!! (besonders die Vertragsstellen, die immer eine Hintertür für noch mehr Abzockerei des Steuerzahlers beinhalten.
    Wenn man seit vielen Jahren säkular lebt, erlebt man bei genauerem Hinschauen mit jeder Art von konfessioneller Religion seine “WUNDER”. An alle ÖsterreicherInnen: unterschreibt für die Initiative gegen Kirchenprivilegien auf Eurer Gemeinde / amtlichen Ausweis nicht vergessen. Einsenden an EIN RECHT FÜR ALLE A-1070 Wien, Halbgasse 7

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